Er war einmal. Er war der König Lear des deutschen Showbusiness. Wenn wir die Augen schließen und an ihn denken, müssen wir schmunzeln. Wie war er? Wenn Harald Juhnke allein sein wollte, floh er nach Rothenburg ob der Tauber. Er versteckte sich in der Giebelsuite „Storchennest“ des Hotels „Eisenhut“.
Da saßen wir vor 40 Jahren zusammen. Juhnke trug einen blauen Blazer mit rotem Seideneinstecktuch, rauchte eine „Davidoff“-Zigarre. Wir tranken einen Bocksbeutel und er noch einen verdünnten „Chivas Regal“-Whisky.
Juhnke war ein schlaksiger, schalkhafter Charmeur mit lächelnder warmer Stimme. „Ich glaube, dass der liebe Gott seine Hand über mich hält! Ich bin ein tief religiöser Mensch. Ich bete viel, bin viel allein. Aber ich hab’ höchstens noch 10 Jahre.“
Filmszene aus der dreiteiligen ZDF-Serie „Ein Mann für alle Fälle“ (1979): Juhnke und Johanna von Koczian (damals 45)
Als Harald Juhnke (†75) dann, am 1. April vor 20 Jahren, in Berlin seine Augen schloss, saß ich mit Mario Adorf (heute 94) in Rom, wo Papst Johannes Paul II. (†84) im Sterben lag. Adorf seufzte: „Der arme Harald Juhnke. Es war ein großes, tragisches Leben.“
Deutschland seufzte. Die Fernseher schluchzten. Harald Juhnke war der Showstar, der Deutschland zum Lächeln brachte.
► Er war Berliner. Er war Entertainer. Er war der deutsche Frank Sinatra.
► Er war ein Trinker. Er war Schlawiner und Lebenskünstler.
► Er war ein TV-Gigant aus einer guten älteren Zeit, als wir noch rauchten, tranken und der Kater danach ein lieber Kollege war.
Harald Juhnke als „Hauptmann von Köpenick“. Seine berühmteste Rolle spielte er im Theater und im TV. Hier sieht man ihn 1996 auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin
Branchen-Witz: „Was ist das Gegenteil eines anonymen Alkoholikers? Harald Juhnke!“ Er trank, wie er lebte und lachte – grenzenlos. Barfuß oder Lackschuh. Sein Schatten war die Flasche. Sein Feind die Mini-Bar.
Branchen-Lob: Theater-Genie Bernhard Minetti (†93): „Wir hätten auch gerne deine Leichtigkeit! Wenn du lachst, dann lacht das Publikum, und wenn du weinst, dann weint es mit dir. Das ist ein Gottesgeschenk!“
Mit Grit Boettcher begeisterte er in den 70ern mit der Erfolgs-TV-Serie „Ein verrücktes Paar“. Die Szene stammt aus dem Sketch „Aller Anfang ist schwer“
Juhnke über Juhnke: „80 Prozent meiner Filme kannste vergessen, Scheißdreck.“ Aber: Lubitsch-Preis als Presse-Fuzzi in Helmut Dietls Kult-Komödie „Schtonk“ (1992). Jubel-Kritiken für Falladas „Der Trinker“. Theater-Erfolg als „Der Hauptmann von Köpenick“.
Er war die deutsche Synchronstimme von Marlon Brando (†80), Richard Burton (†58), Peter Sellers (†54), Woody Allen (89), Charles Bronson (†81) und Peter Falk (†83).
Wer älter ist, muss schmunzeln bei seinen Kino-Hits von vorgestern: „Wenn die Alpenrosen blühen“ (1955), „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n“ (1961), „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ (1962).
Juhnke fragte: „Wie hoch ist die Gage für den Quatsch?“
Der Sohn eines Polizisten aus Berlin-Wedding lachte darüber: „Wenn in den Fünfzigern das Telefon klingelte, interessierten mich nur drei Fragen: 1. Wie hoch ist die Gage für den Quatsch? 2. Wie hübsch sind meine Partnerinnen? 3. Wo wird der Heuler heruntergespult und wie sonnig ist es dort?“
1995 in der TV-Verfilmung des Romans „Der Trinker“. Juhnke spielt einen hoffnungslosen Trinker. Er soll mit dieser Rolle auch seine eigene Alkoholerkrankung verarbeitet haben
Aber natürlich steckte in dem ewigen Clown auch die Sehnsucht nach Anerkennung: „Ich würde gerne den ‚König Lear‘ spielen – und auf der Bühne sterben.“
Doch sein Schicksal war „König Quote“. Seine ARD-Show-Premiere von „Musik ist Trumpf“ (1979) sahen 30 Millionen Fans. 59 Prozent Einschaltquote. 90 Prozent der Deutschen kannten ihn.
1992. Götz George (damals 53, l.) und Juhnke (damals 63) während der Dreharbeiten zu Helmut Dietls Kino-Hit „Schtonk“
Juhnke über seine Frau: „Ich war flambiert“
In seiner Berliner Lieblingskneipe „Diener“ verliebte sich Juhnke 1970 in seine Traumfrau – Susanne Hsiao. „Mir war, als hätte mich jemand mit Himbeergeist übergossen und ein Streichholz entzündet. Es gab einen Schlag. Ich war flambiert!“
Susanne Juhnke (heute 80) wurde sein Schutzengel. 30 Jahre Glück mit Kater. „Es stand nicht in meiner Macht, Harald vom Trinken abzuhalten. Auf berufliche Höhenflüge folgte der Absturz.“
1994 an der Seite von Heinz Schubert (damals 69, r.) in der ZDF-Serie „Zwei alte Hasen“
Er wurde vergesslich. Er war 67. Susanne Juhnke: „Da passierte irgendetwas in seinem Gehirn. Und er hat es selbst gemerkt. Er war der Hauptdarsteller in einer Tragödie, die zur unentrinnbaren Wirklichkeit wurde.“
Der Showstar (als „Hauptmann von Köpenick“) 1973 mit seiner Frau Susanne (heute 80) und dem gemeinsamen Sohn Oliver (heute 53). Im Jahr zuvor hatte das Schauspielerpaar geheiratet
Juhnkes trauriges Ende
Sein Hirn zerbrach in der Nacht des 10. Juli 2000. Er war 71 und drei Jahre nüchtern. Er verließ gegen Mitternacht sein Hotel in Baden bei Wien und betrat die „Filou“-Bar. Er trank 10 doppelte Whiskys und 8 doppelte Wodkas.
Ein Privatjet flog ihn in die Psychiatrie nach Basel. Diagnose: Demenz. Seine Frau wird zu seiner Pflegerin. Endstation: Pflegeheim bei Berlin. Seine letzte Bühne ist 15 Quadratmeter klein. Er murmelt Vers-Fetzen aus „Der Geizige“ von Molière. Er lebt in einem Labyrinth der Erinnerungen.
Juhnke (damals 73) mit seiner Ehefrau Susanne (damals 58) 2002 vor der Tür seiner Villa in der Lassenstraße im Grunewald. Das Haus wurde nach seinem Tod verkauft und abgerissen
Der große Harald Juhnke stirbt am 1. April 2005. Vor seinem Mahagonisarg in der Berliner Gedächtniskirche trauern 800 Freunde. Vor der Kirche weinen 1000 Fans.
Sein kongenialer Freund Thomas Gottschalk (heute 74) lächelte traurig: „Dies ist die Woche, in der ein toter Märchenfürst aufgebahrt in Monaco liegt, in der wir den Nachfolger Petri zu Grabe getragen haben und in der wir uns von Deutschlands größtem Entertainer verabschieden müssen. Fast scheint es, als sei der liebe Gott es leid gewesen, sich im Himmel unter seinem Niveau amüsieren zu müssen.“
Papst Johannes Paul II. war einen Tag nach Juhnke gestorben. Fürst Rainier III. (†81) fünf Tage später.
Das Grab des großen Schauspielers auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf, Berlin
Der Himmel kann lachen. Auf der Rückseite von Juhnkes Grab-Obelisken aus Lausitzer Granit steht ein Zitat des Theater-Gottes Max Reinhardt (1873-1943): „Der wahre Schauspieler ist von der unbändigen Lust getrieben, sich unaufhörlich in andere Menschen zu verwandeln, um in den anderen am Ende sich selbst zu entdecken.“
Danke für dieses große Leben.