Wenn die Nächte lang sind, ist die Hauptsaison der Brettspiele. Der Markt boomt und bietet Spiele für jeden Geschmack. Trotz seiner Vielfalt kämpft das Hobby mit einem angestaubten Image.
Bunte Holzklötzchen, Spielkarten und ein taktischer Plan bestimmen den Spieltisch. Eine Gruppe von Mittvierzigern lässt an diesem Januarabend im beschaulichen Bettmar bei Peine Geschichten um den Wüstenplaneten Arrakis lebendig werden - mithilfe des Brettspiels „Dune Uprising“. Matthias Kaul, Thorsten Johl und ihre Mitspieler schlüpfen in Rollen von Charakteren wie Paul Atreides oder Duncan Idaho und kämpfen um Wasser, die Währung Solari, Spice und auch Siegpunkte.
„Natürlich gibt es auch solche Spiele, in denen eher Glück entscheidet“, sagt Thorsten Johl. „Wir mögen es aber lieber taktisch, da ist solch ein Spiel mit möglichst wenigen Glückselementen das Richtige für uns.“ Thematisch passe es für die Spielgruppe perfekt. „Science-Fiction von Star Wars bis Star Trek und weit darüber hinaus geht eigentlich immer“, sagt Johl mit einem Lachen.
„Es gibt nichts, was es nicht gibt“
Familienvater Matthias Kaul ergänzt, moderne Spiele hätten inzwischen einen ganz eigenen Reiz. „Wir kommen einen sehr langen Weg.“ Heutige Spiele seien nicht mehr mit denen aus seiner Kindheit zu vergleichen. „Wenn ich meinem Sohn mit ‚Mensch ärgere dich nicht‘ oder so ankomme, dann rollt der höchstens die Augen und sagt: ‚Papa, das ist doch kein Spiel, das ist von vorgestern‘.“ Beim Angebot der Brettspiele gelte heutzutage: „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“
Dass modernen Brettspielen noch immer das eher antiquierte Image ihrer Urväter anhaftet, sagt auch der Berliner Spielforscher Jens Junge. Dabei gebe es in aktuellen Titeln sehr viel mehr Spielwert, betont der Experte. „Die Spielenden messen sich entweder anhand von Punkten oder betreiben kooperative Brettspiele.“ Auch würden Rollen, Normen oder Verhaltensweisen spielerisch erschlossen. „Es ist uns möglich, am Spieltisch neue Strategien auszuprobieren, die später in realen Situationen helfen können.“
Boomender Markt
Eine Gruppe von Mittvierzigern ist dem Experten zufolge am Spieltisch auch keine Ausnahme. „Durchschnittlich sind Brettspielende in Deutschland 37 Jahre alt - also eher nicht mehr im Kindesalter.“ Der Markt boome. „Allein im Jahr 2025 haben rund 220.000 Menschen die weltweit größte Fachmesse, die ‚Spiel‘ in Essen besucht“, sagt Junge. Brettspielenthusiasten schätzten die sozialen Aspekte ihres Hobbys: „Die gehen bewusst zu Freunden, in den Spieleladen oder treffen sich in Brettspielcafés, weil sie da echte Menschen erleben wollen.“
Welche wirtschaftliche Wucht hinter dem Spieltrieb steckt, zeigt ein Blick in die Statistik. Allein die deutsche Spielwarenindustrie erzielt nach eigenen Angaben aktuell einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro jährlich und beschäftigt etwa 11.000 Menschen. Organisiert ist sie unter anderem im „Deutschen Verband der Spielwarenindustrie“ (DVSI), dem mehr als 200 Hersteller, Händler und Verlage angehören.

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