Der Ruhestand stellt viele Paare vor unerwartete Herausforderungen. Psychologin Ina Wohlgemuth erklärt, warum Kommunikation entscheidend ist.
Der Ruhestand ist nicht nur ein Schritt, sondern ein ganzes Bündel von Veränderungen, die Paare bewältigen müssen. Während die Kinder längst aus dem Haus sind, werden die eigenen Eltern pflegebedürftig, und einer oder beide Partner verlassen das Berufsleben – oft nicht gleichzeitig. „Es sind mehrere parallele Übergänge“, erklärt Psychologin Ina Wohlgemuth ein Phänomen, das viele Paare unterschätzen. Warum aus Teamkollegen wieder Liebende werden müssen und wie Paare diese Herausforderung meistern können, schildert sie im Gespräch. Dazu finden Sie in unserem kostenlosen Ratgeber-PDF „Paar-Vertrag“ praktische Strategien.
In der sechsteiligen Serie beleuchten wir die wichtigsten Aspekte für ein gesundes Leben im Ruhestand. Im ersten Teil ging es um die Identitätsfindung nach dem Berufsleben. Demnächst erfahren Sie, wie Alleinlebende nach dem Wegfall von Arbeitskontakten mit Einsamkeit umgehen und sie vermeiden können. Schließlich gehen wir auf die körperliche Gesundheit ein: Sie erfahren, warum der Muskelerhalt als Altersvorsorge wirkt, nachlassende Sinne die Teilhabe gefährden und wie Sie Ihre Ernährung gestalten können, wenn das geregelte Essen in Kantine und Co. wegfällt und Zeit zum Kochen daheim ist.
Partnerschaft nach dem Berufsleben: die neue Zweisamkeit
Diese parallelen Übergänge bringen viele Paare in eine ungewohnte Situation. Jahrzehntelang haben sie perfekt als Team funktioniert. „Tatsächlich stabilisieren sich Beziehungen häufig über so eine Art Team-Gefüge“, beschreibt Wohlgemuth das Phänomen. Das gemeinsame Dritte – seien es die Kinder, der Hausbau oder andere Projekte – schweißt zusammen und gibt der Beziehung Struktur.
Doch was passiert, wenn dieses gemeinsame Dritte wegfällt? „Dann steht man manchmal auf sich zurückgeworfen als Paar und muss wieder gucken: Was denn jetzt? Wo finden wir uns denn jetzt?“ Die romantische Liebe, die „Magic Moments“ – all das ist über die Jahre in den Hintergrund getreten zugunsten der effizienten Teamarbeit.
Retired Husband Syndrome
Das sogenannte „Retired Husband Syndrome“ beschreibt ein Phänomen, das vielen aus Loriots „Papa ante Portas“ bekannt vorkommt: Der Mann dringt nach seinem Berufsleben in die häusliche Sphäre ein, die jahrzehntelang das Reich der Partnerin war. „Dieses Klischee erlebe ich in meiner therapeutischen Praxis tatsächlich gar nicht so häufig“, berichtet Wohlgemuth.
Das eigentliche Problem liegt tiefer: Wenn die gemeinsamen Projekte wegfallen, brechen oft völlig unterschiedliche Lebensentwürfe auf. „Sie hat den Traum, nochmal Tango tanzen zu wollen, die Welt zu entdecken. Und er sagt: Mein Garten reicht mir“, beschreibt sie das Dilemma. Verreisen versus Familienbindung, Abenteuer versus Ruhe – plötzlich prallen Vorstellungen aufeinander, die jahrzehntelang unter der Teamarbeit verborgen lagen.
