Die Zahl 63 ist Etikettenschwindel. Wer heute abschlagsfrei früher in Rente gehen will, muss 64,5 Jahre alt sein, künftig 65. Trotzdem tobt um genau dieses Symbol gerade der härteste verteilungspolitische Machtkampf der Legislatur und er hat einen Preis: 9,5 Mrd. Euro pro Rentenjahrgang. Mindestens sieben Ministerpräsidenten stemmen sich gegen die geplante Streichung der abschlagsfreien Frührente nach 45 Beitragsjahren.
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Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke brachte den Widerstand auf den Punkt: „45 Jahre sind ein langes Arbeitsleben. Das muss für eine Rente ohne Abschläge reichen.“ Sein Instagram-Post ging viral, der ökonomische Gegenwind blieb trotzdem eiskalt. Die Kritik kommt vor allem aus Ostdeutschland, wo laut BR viele Beschäftigte schon mit 16 Jahren ins Arbeitsleben eingestiegen sind und entsprechend lange Versicherungsverläufe vorweisen können. Genau diese Biografien sind der emotionale Kern des Widerstands, denn sie lassen sich politisch leicht als Fälle von Lebensleistung erzählen, auch wenn die Datenlage ein di fferenzierteres Bild zeichnet.
Viele Ökonomen sind sich einig, die Politik nicht
Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zählt die abschlagsfreie Frührente zum finanziell wichtigsten Baustein der gesamten Rentenreform. Seine Warnung ist unmissverständlich: „Ohne das Element ist die Rentenreform tot.“ Das ist keine akademische Randnotiz, sondern eine direkte Kampfansage an sieben Landesregierungen. Viele Ökonomen und Fachleute sprechen sich laut Medienberichten für eine Streichung der abschlagsfreien Frührente aus und genau darin liegt die Brisanz: Selten steht eine derart breite ökonomische Übereinstimmung derart offen gegen eine Länderfront aus Regierungschefs. Der Konflikt hat eine handfeste ökonomische Basis. Laut BR nutzt etwa jeder dritte Altersrentner die Frührente, jährlich 250.000 bis 280.000 Menschen.
Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung kostet das System dadurch zusätzlich 3,5 Mrd. Euro pro Jahr, umgelegt auf einen einzelnen Beitragszahler sind das laut BILD rund 40 Euro jährlich. Wichtig für die Einordnung: Die abschlagsfreie Rente wird nicht ausschließlich über Rentenbeiträge finanziert, sondern zusätzlich über Steuermittel, weshalb diese Modellrechnung nur eine Annäherung liefert. Über einen kompletten Jahrgang gerechnet, vom Renteneintritt bis zum Lebensende, summiert sich das laut DIW-Studie auf 9,5 Mrd. Euro Einsparpotenzial, plus 125.000 zusätzliche Vollzeitkräfte, weil Menschen länger arbeiten und dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben.
Wer wirklich profitiert, ist nicht der Maurer
Die Frührente wurde als Zugeständnis an Menschen mit harten Berufen verkauft, Maurer, Fliesenleger, Pflegekräfte. Die Datenlage zeichnet ein anderes Bild: Überdurchschnittlich profitieren Männer, Besserverdienende und Menschen mit stabilen, ungebrochenen Erwerbsbiografien.
Das verschiebt die Debatte aus Sicht mancher Ökonomen von Fürsorge zu Umverteilung nach oben, ein Punkt, den die ostdeutschen Kritiker bislang ausblenden. Gerade tendenziell gesunde Personen mit durchgängigen Erwerbsverläufen nutzen das Instrument überproportional, während die ursprüngliche Zielgruppe der körperlich Belasteten in den Zahlen deutlich unterrepräsentiert bleibt, ein Befund, der die politische Erzählung von der verdienten Frührente für harte Berufe empfindlich ins Wanken bringt.
Was der Beitragssatz konkret kostet
Eine Prognos-Studie beziffert den Effekt auf den Beitragssatz: 0,4 bis 0,5 Prozentpunkte weniger, wenn die Frührente fällt. Für 2030 hieße das 19,5 statt 20 Prozent. Bei einem Bruttoeinkommen von 4.500 Euro monatlich sind das rund elf Euro weniger Abzug, Monat für Monat, planbar für die private Vorsorge.
Diese Differenz zeigt laut Focus, wie sich private Vorsorge etwa über einen breit gestreuten ETF-Sparplan aufbauen liesse, wie ihn Verhaltensökonom Hartmut Walz mit seiner KISS-Methode beschreibt: einfach halten, global investieren, jahrzehntelang laufen lassen. Erst in den letzten zehn Jahren vor dem geplanten Ruhestand setzt Walz‘ Methode auf schwankungsärmere Bausteine wie Anleihen, um das Portfolio abzusichern. Diese individuelle Vorsorgestrategie ersetzt keine politische Lösung, zeigt aber laut Walz, dass der Verlust der abschlagsfreien Frührente teilweise ausgleichbar sein könnte, wenn die eingesparten Beitragspunkte in private Vorsorge umgeleitet würden statt im Konsum zu verpuffen.
Business Punk Check
Die Landesfürsten spielen ein Nullsummenspiel mit fremdem Geld. Sieben Ministerpräsidenten verteidigen ein Privileg, das laut Datenlage überproportional gesunden, gut verdienenden Männern nutzt, nicht der viel zitierten Fliesenlegerin aus Cottbus. Das ist keine Sozialpolitik, das ist Klientelpolitik mit Ost-Anstrich. Für Unternehmen und Beitragszahler zählt eine Zahl: Die DIW-Studie beziffert ein Einsparpotenzial von 9,5 Mrd. Euro pro Rentnerjahrgang, die Rente mit 63 wird aus Beiträgen und Steuermitteln finanziert. Wer als Arbeitgeber auf sinkende Lohnnebenkosten hofft, sollte die Illusion begraben, solange Landesregierungen das Reformkernstück blockieren. Entscheider in Personalabteilungen tun gut daran, ihre Fachkräfteplanung nicht auf einen fixen Renteneintritt bei 63 oder 65 zu bauen, sondern auf Szenarien mit Verzögerung. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob die Reform kommt, sondern wie viele Ausnahmeregelungen sie am Ende zerschießen.

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