Grainau – Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich auf der Zugspitze ein Bild von den dramatischen Folgen des Klimawandels gemacht. In fast 3000 Metern Höhe wird sichtbar, wovor Forschende seit Jahren warnen: Der Permafrost in den Alpen schmilzt in nie dagewesenem Ausmaß, das Gestein verliert seinen Halt. Ein neues Frühwarnsystem soll künftig gefährliche Felsabbrüche vorhersagen – doch gleichzeitig plant Söders Regierung, Bayerns Klimaziele nach hinten zu verschieben.
Permafrost taut so tief wie seit 5000 Jahren nicht mehr
Als Söder gemeinsam mit Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) und dem Geowissenschaftler Michael Krautblatter von der TU München aus der Seilbahn stieg, empfing ihn auf dem Gipfel Nässe, Wind und Nebel. Im Fels darunter vollzieht sich jedoch eine weit bedrohlichere Entwicklung. „Der Klimawandel ist spürbar. Der Permafrost geht weg, das Eis im Berg schmilzt und der Fels bröckelt. Genau das ist die Herausforderung, vor der wir stehen“, sagte der Ministerpräsident.
Die Zahlen, die Wissenschaftler Krautblatter präsentierte, sind alarmierend. „Wir sehen in den Alpen eine der schnellsten Klimawandelveränderungen. Nirgendwo auf der Welt schmelzen Gletscher so schnell wie in den Alpen“, erklärte er. Seit 1820 hätten die Gletscher an der Zugspitze zwischen 200 und 300 Meter an Mächtigkeit eingebüßt. In einer Höhe von 2800 Metern werde der Permafrost innerhalb der nächsten zehn Jahre komplett verschwinden, auf dem Gipfel halte er sich noch 20 bis 30 Jahre. Der Hitzesommer 2026 hat die Lage zusätzlich verschärft: Normalerweise taue der Permafrost an der Nordwand im Sommer fünf bis sieben Meter tief auf. Aktuell liege die Auftautiefe bei 13 Metern – „wahrscheinlich eine Auftautiefe, die es über die letzten Hunderte, vielleicht auch über die letzten 5000 Jahre nicht gegeben hat“, so Krautblatter.
Die Zugspitze liegt im Wettersteingebirge an der Grenze zwischen Bayern und Tirol und ist mit 2962 Metern Deutschlands höchster Gipfel.
Felsstürze an Zugspitze und Hochvogel – Frühwarnsystem installiert
Das gefrorene Gestein funktioniert wie ein natürlicher Kleber, der den Fels zusammenhält. Taut der Permafrost auf, beginnen Schutt und Felsmassen zu bröckeln. Erst vor gut drei Wochen hatte sich auf der Tiroler Seite der Zugspitze ein massiver Felssturz mit einem Volumen von rund 13.800 Kubikmetern ereignet und eine weithin sichtbare Staubwolke aufgewirbelt. Die Abbruchstelle lag auf etwa 2800 Metern Höhe – in einer Zone, die normalerweise dauerhaft gefroren ist. An der Nordwand wurde nun ein Laserscanner installiert, der als Frühwarnsystem Veränderungen im Gestein registrieren soll. Auch am Hochvogel in den Allgäuer Alpen droht ein gewaltiger Felssturz: Am 2592 Meter hohen Gipfel klafft seit Jahren ein Riss, der mittlerweile 60 bis 70 Meter tief und drei bis vier Meter breit ist. Laut Krautblatter seien rund 400.000 Kubikmeter Felsmasse bereits in Bewegung. Zudem wurde im Mai 2025 in der Schweiz das Dorf Blatten im Lötschental durch eine Schutt- und Eislawine weitgehend zerstört – es war nur wenige Tage zuvor evakuiert worden.
Während Söder auf dem Gipfel vor allem über „Klimaanpassung“ und technische Überwachung sprach, plant seine Regierung in München, die bislang für 2040 angestrebte Klimaneutralität auf 2045 zu verschieben. Söder sieht darin keinen Widerspruch – Bayern investiere mehr Geld in diesem Bereich als jedes andere Bundesland. Der Deutsche Alpenverein (DAV) hingegen fordert, Klimaschutz, Klimaanpassung und Naturschutz konsequent zusammenzudenken. Und auch aus der Wissenschaft kommt scharfe Kritik: Der Physiker Harald Lesch erklärte bei einer Anhörung im Landtag zum neuen Klimaschutzgesetz: „Es ist tatsächlich so, dass wir mit dem Klimaschutzgesetz weder das Klima schützen noch die Menschen.“ Söder reagierte darauf knapp: „Das sehen wir anders.“ (Quelle: Deutsche Presseagentur)

